In der darauffolgenden Nacht steht Luce vor ihrem Haus auf der Veranda. Es ist erst der 10. Dezember, aber sie hat schon viele schöne Sachen mit ihren Freunden gemacht. Mittlerweile ist ihre Vorfreude auf Weihnachten geweckt und sie freut sich auf jeden neuen Tag.
Diese Gedanken gehen Luce durch den Kopf, während sie in den Himmel starrt. Es ist die erste klare Nacht seit langem. Es schneit mal nicht und es ist keine einzige Wolke zu sehen. Stattdessen ist das Firmament von Sternen übersäht und der Mond beleuchtet die Welt.
Plötzlich bekommt Luce Lust zu fliegen. Es ist dunkel und die Menschen in den Städten schlafen. Niemand würde sie sehen oder bemerken, dass sie über ihre Köpfe fliegt. Kurzerhand geht sie daher ins Haus, zieht sich passende Klamotten an und marschiert dann ein Stück in den Wald hinein. Dort beschwört sie ihre Flügel hinauf, die sie durch die Luft tragen würde. Die Hitze der Schwingen lässt den Schnee um Luce herum schmelzen. Daher fliegt sie zügig los. Immer schneller schlägt sie mit den Flügeln, bis ihre Füße den Boden nicht mehr berühren. Sie hebt ab, wobei sie den eisigen Wind in ihren Haaren spürt. Er konkurriert mit der Wärme ihrer Schwingen.
Ein paar Sekunden später lässt Luce die Baumwipfel hinter sich. Sie fliegt hoch. So hoch als könnte sie die Sterne erreichen. Dann gleitet sie durch die Luft in Richtung der Stadt.
Von so weit oben sieht ihre Heimatstadt wunderschön aus. Sie ist dicht vom Schnee verpackt, der in der Dunkelheit erstrahlt. Während Luce am Himmel schwebt und nach unten guckt, fällt ihr ein Zitat ein.
„Wie ging das nochmal?“, überlegt sie.
Einen Moment später fallen ihr die Worte wieder ein.
„Der Schnee sah im Mondlicht seltsam aus,
wie Puderzucker auf einer Stadt aus Papier.“
Der Satz stammt aus dem Buch „Der Herr der Diebe“ von Cornelia Funke. Er passt perfekt zu dem Bild, was sich Luce gerade bietet.
Sie hat dieses Buch früher geliebt und oft gelesen. Genau wie Scipio wollte auch sie älter sein, um all die Dinge schon zu können, von denen ihr Mentor ihr immer erzählt hat. Sie wäre gerne auf das Karussell gestiegen und wäre ein paar Runden gefahren.
Heute würde Luce die Zeit lieber wieder zurückdrehen. In ihrer Kindheit gab es fast nichts, worüber sie sich Sorgen machen musste. Es lag keine so große Last auf ihren Schultern.
Leider gab es das Karussell aus dem Buch nicht in echt. Auf der Erde gab es zwar Magie, die vieles verwandeln konnte, aber nichts konnte das Alter einer Person verändern. Zumindest nichts, was Luce bekannt war…