Am nächsten Morgen ist Luce um fünf Uhr wach. Sie kann nicht länger schlafen, weil sie zu aufgeregt ist, was der Tag heute bringt. Daher geht sie direkt nach draußen, um zu trainieren und sich dabei abzulenken.
Zwei Stunden später sitzt sie frisch geduscht am Frühstückstisch. In wenigen Minuten würden Sam und Amara sie und anschließend Jacob mit dem Auto abholen. Die Freunde haben bei ihrer Planung des Dezembers beschlossen, dass sie heute die Schule schwänzen. Stattdessen fahren sie gemeinsam in ein nahegelegenes Skigebiet.
Auf dem Weg dorthin wird Luce immer aufgeregter. Sie ist noch nie in ihrem Leben Ski gefahren ebenso wie Sam. Daher hat sie etwas Sorge, dass sie sich vollkommen blamiert und die Piste nicht runterkommt.
Nachdem die Freunde sich alle die Ausrüstung geliehen haben, fahren sie mit einer Gondel nach oben auf den Berg. Er ist bei Weitem nicht so hoch wie manche Berge in den Alpen, aber es reicht für Skipisten. Oben angekommen, schnallen sie sich die Skier an die Füße. Sofort kippt Luce zur Seite weg und landet schräg auf ihrem Hintern.
„Auf den Teilen soll ich den Berg runter fahren?“, fragt sie daraufhin entsetzt.
Sie schafft es nicht mal, darauf zu stehen, also wie soll sie sich darauf bewegen?
„Komm. Ich helfe dir.“, bietet Amara ihr an, während sie ihrer Freundin einen Stock hinhält.
Daran zieht Luce sich hoch, bevor sie sich an ihrer Freundin festhält, um das Gleichgewicht auf den Skiern zu finden. Amara ist schon früher mal Ski gefahren. Sie hat sogar ein paar Skikurse belegt und ist dadurch eine sehr gute Fahrerin geworden.
„Halt dich weiter an meinem Stock fest. Ich ziehe dich ein paar Meter. Dann kannst du dich an das Gefühl gewöhnen.“, befiehlt Amara Luce nun.
Die nickt zögerlich, bereitet sich jedoch innerlich schon wieder darauf vor, erneut zu stürzen. Als Amara sich vorwärts bewegt, geht ein Ruck durch Luces Körper. Plötzlich gleitet sie erstaunlich sanft auf dem Schnee daher. Es fühlt sich an, wie schweben, und sofort breitet sich ein Lächeln auf Luces Gesicht aus.
Langsam fühlt sie sich etwas sicherer, weshalb sie den Blick wieder nach vorne richtet, statt besorgt auf ihre Füße zu starren. Einige Meter weiter, bevor die Piste richtig beginnt, stehen Jacob und Sam, die ihr abwartend entgegen gucken. Sam kommt offenbar besser auf den Skiern klar als Luce, zumindest steht er selbstständig auf den Brettern.
„Müssen die so starren?“, flüstert Luce Amara zu, als die Blicke unangenehm werden.
„Ihr könnt schonmal vorfahren, wir brauchen noch ein bisschen. Wir treffen uns dann unten am Lift wieder. Falls ihr sehr schnell fahrt, könnt ihr die Piste auch doppelt fahren.“, ruft Amara den Männern daraufhin zu.
„Alles klar. Dann bis gleich.“, antwortet Jacob.
Anschließend drehen die Männer sich um und fahren auf die Piste. Selbst Sam tut das mit so einer Eleganz, als hätte er schon tausend Mal auf Skiern gestanden.
„Danke.“, sagt Luce erleichtert zu ihrer Freundin.
„Gerne. Jetzt haben wir erstmal unsere Ruhe und du kannst dich auf das Fahren konzentrieren.“, erwidert Amara lächelnd.
Danach erklärt sie Luce, wie sie die Piste runter fahren soll. Sie beginnen mit dem Schneeflug, damit ihr das Bremsen leichter fällt. So arbeiten sich die beiden langsam den Weg nach unten. Luce steht noch sehr steif auf den Skiern und sie kann Amaras Anweisungen nur schwer umsetzen.
„Richte deinen Oberkörper auf und geh mehr in die Knie.“, ruft sie ihr ständig zu.
Eine Sekunde klappt das dann oft, aber Luce fällt schnell zurück in ihre alten Muster. Dennoch kommt sie langsam dem Lift näher, als plötzlich ein Schneehügel genau auf ihrem Weg liegt. Luce schafft es nicht mehr, auszuweichen. Mit einem Ski fährt sie über den Haufen, sie verliert das Gleichgewicht und stürzt auf die Piste. Hektisch rudert sie mit den Armen, um ihren Sturz zu verhindern, doch es gelingt ihr nicht. Sie landet auf dem Rücken und rutscht die Piste runter. Ihre Skier haben bereits ausgelöst und die Stöcke sind ihr aus der Hand geflogen. Daher bleiben Luce nur ihre Hände, um zu bremsen. Schließlich wird sie langsamer, bevor sie dann ganz aufhört, zu rutschen. So kann sie sich endlich wieder aufrichten.
Luces Blick gleitet über die Piste. Einer ihrer Stöcke liegt einen Meter unter ihr, ihre Skier und der zweite Stock ein ganzes Stück oberhalb. Sie seufzt auf, da sie nun zu Fuß in de schweren Skischuhen wieder nach oben gehen muss, als ein fremder Skifahrer bei ihren Sachen hält. Er sammelt die Skier und den Stock ein, nimmt sie in die Hände und fährt so zu Luce. Bei ihm sieht alles so einfach aus. Selbst mit der zusätzlichen Last gleitet er in schöne Bögen den Berg hinab, bevor er direkt vor ihr zum Stehen kommt. Erst jetzt erkennt Luce, dass Jacob der Skifahrer ist.
„Ist alles in Ordnung?“, fragt er Luce, während er ihr die Sachen gibt.
„Ja. Danke für deine Hilfe. Ich hätte echt keine Lust gehabt, wieder den ganzen Weg nach oben zu laufen.“, antwortet sie grinsend.
„Dann kam ich offenbar gerade passend.“, Jacob lächelt sie schelmisch an.
„Auf jeden Fall. So, wie komme ich jetzt auf die Skier wieder drauf?“, wechselt Luce das Thema mit einem verzweifelten Blick zu den Brettern hin.
„Ich helfe dir.“, sagt Jacob sofort.
Er schnallt seine Skier kurzerhand ab, um seiner Freundin besser helfen zu können. So kann er sie sowie ihre Skier festhalten, während Luce auf die Bindung tritt. Kurze Zeit später sind sie beide fertig und fahren gemeinsam das letzte Stück zum Lift. Dort warten Amara und Sam bereits, die ihnen besorgt entgegen guckten.
„Sorry, ich habe nicht mitbekommen, dass du gestürzt bist.“, entschuldigt Amara sich sofort, die die ganze Zeit voraus gefahren war.
„Alles gut, ist nichts passiert. Aber ich habe eine Frage.“, erwidert Luce ernst. Die anderen gucken sie nur abwartend an, weshalb sie nach einer kurzen Pause weiter spricht. „Sam, wie zum Teufel machst du das? Warum kannst du plötzlich so perfekt Ski fahren?“
Daraufhin brechen ihre Freunde in Lachen aus. Sie haben definitiv etwas anderes, nicht so Banales, erwartet. Auch auf Luces Gesicht erscheint ein Grinsen, dennoch schaut sie Sam fragend an.
„Keine Ahnung. Ich bin wohl ein Naturtalent.“, antwortet er schließlich schelmisch.
Das lassen die anderen so stehen. Stattdessen wenden sie sich dem Lift zu und fahren damit den Berg wieder hoch. Ein paar Mal fahren sie die gleiche Piste noch runter, bevor sie sich andere aussuchen. Mit jeder Abfahrt wird Luce sicherer auf den Ski und kurz vorm Mittag schafft sie es sogar, eine Piste ohne Sturz herunter zu fahren.
Beim Essen in einer behaglichen Berghütte am Rande der Piste, reden die Freunde darüber, wo sie als Nächstes lang fahren.
„Es gibt hier eine Piste, wo Rampen am Rand stehen. Da will ich auf jeden Fall heute noch lang fahren! Das macht bestimmt Spaß darüber zu springen.“, wirft Sam ein.
„Du fährst heute das erste Mal Ski und willst direkt über Rampen springen?“, fragt Amara entgeistert.
Auch Luce starrt ihn entsetzt an.
„Warum nicht? Was soll schon passieren?“, erwidert er grinsend.
„Ich bin dabei. Die Piste können wir gut auf dem Rückweg zum Auto einbauen.“, unterstützt Jacob Sam.
Daraufhin gucken die Freundinnen sich nur fassungslos an, wobei Amara die Augen über ihren Freund verdreht. Als ihre grobe Route für den Rest des Tages steht, ziehen die Vier sich wieder an, um sich auf den Weg zu machen. Draußen schlägt ihnen sofort ein eisiger Wind entgegen, der ein paar Schneeflocken mit sich trägt. Luce ist froh, dass ihr nie kalt ist, weil das Feuer in ihr sie stets warm hält.
Als die Freunde die nächste Piste hinunter fahren, wird ihnen alle jedoch wieder warm. Auch Skifahren ist anstrengend, wie Luce im Laufe des Tages feststellen musste.
Nach ein paar weiteren Pisten kommen sie schließlich an den Rampen an. In dem Funpark gibt es einige kleinere Schanzen, über die die Männer sofort springen, während Luce und Amara sie gespannt beobachten. Sie fliegen immer nur einen kurzen Moment, bevor sie dann wieder auf ihren Skiern landen. Luce ist sich sicher, dass sie sofort stürzen würde, sollte sie das versuchen.
Als Jacob und Sam in dem Funpark genug haben, fahren sie alle gemeinsam die Piste weiter hinab. Dabei kommen sie nach einem Moment an zwei weiteren Rampen vorbei. Die sind nun ganz und gar nicht mehr klein. Die erste der beiden hat eine Höhe von bestimmt drei Metern, die zweite ist sogar noch riesiger. Die Freunde halten an und beobachten andere Fahrer, die gekonnt über die Schanzen fahren. Sofort fangen Sams Augen an zu leuchten, während er begeistert seine Freunde anguckt. Jacob lässt sich von seiner Begeisterung anstecken.
„Wer von uns fliegt wohl länger?“, fordert er Sam heraus.
„Das ist nicht euer Ernst?!“, wirft Luce fassungslos ein.
Die beiden Männer gucken sich einen Moment an und überdenken nochmal ihren Plan.
„Wir kommen gleich wieder.“, antwortet Sam dennoch einen Moment später grinsend.
Dann wendet er sich zügig ab, um zu den Schanzen zu fahren, bevor die Frauen noch etwas einwenden können. Luce und Amara gucken sich nur sprachlos an. Ihre Freunde sind wirklich verrückt!
Jacob fährt zuerst. Er startet deutlich höher, wird immer schneller und schneller, bis er schließlich an der Kuppel ankommt. Seine Skier verlieren den Kontakt zum Boden. Jacob hebt ab und fliegt durch die Luft. Er hebt die Arme, um so seinen Flug zu verlängern. Dennoch dauert es nur wenige Sekunden, da ist er wieder am Boden. Er landet, wobei er weich in die Knie geht, um nicht zu stürzen. Nach der Landung bremst er jedoch nicht ab, sondern nimmt den Schwung mit, um auch über die zweite riesige Rampe zu springen. Als Jacob erneut sicher gelandet ist, atmen die beiden Frauen am Rand etwas auf. Um einen der beiden müssen sie sich keine Sorgen mehr. Dann jedoch fährt Sam los und ihre Anspannung steigt wieder.
„Wuhuu!“, schreit er in den Himmel, als er wenige Sekunden später ebenso wie Jacob durch die Luft fliegt.
Sam hat sichtlich Spaß dabei, aber auch sein Flug dauert nicht länger. Der Boden kommt schnell wieder näher und er bereitet sich auf die Landung vor. Als seine Skier den Boden berühren, geht er weich in die Knie. Allerdings rutsch ein Brett zur Seite weg, wodurch die Ski sich verkanten. Sam verliert das Gleichgewicht und stürzt abrupt nach vorne. Er überschlägt sich ein paar Mal, bevor er stöhnend auf dem Schnee liegen bleibt. Sofort fahren Luce und Amara zu ihm hin.
„Sam! Geht es dir gut?“, fragt Amara panisch, als sie bei ihm ankommen.
Sam stöhnt etwas, setzt sich dann aber langsam wieder auf.
„Ja, alles in Ordnung, denke ich.“, antwortet er, während er seine Schultern kreisen und seinen Nacken knacken lässt.
„Das sah ziemlich krass aus.“, meint nun auch Luce besorgt.
Jetzt erst guckt Sam die beiden Freundinnen an. Er bemerkt ihre sorgenvollen Gesichter, weshalb er aufsteht.
„Es geht mir gut. Die Rampe war nur wohl doch etwas zu hoch für mich.“, sagt er anschließend mit seinem üblichen schelmischen Grinsen im Gesicht.
Das beruhigt die Frauen. Sie sammeln Sams Ausrüstung ein und als er alles angeschnallt hat, fahren sie gemeinsam zu Jacob. Der erwartet sie schon gespannt und besorgt.
„Was ist passiert?“, fragt er sofort, da er den Sturz von Sam nicht gesehen hat.
„Ich habe mich etwas auf die Klappe gelegt, aber mir geht es gut.“, antwortet Sam direkt.
Danach haben die Männer genug von den Rampen und die vier Freunde fahren ab ins Tal…