Als Luce am nächsten Morgen aufwacht, ist ihr angenehm warm, was jedoch nicht von dem Feuer der Phönixe kommt, das in ihr lodert. Jacob liegt neben ihr und die beiden sind dicht zusammen gekuschelt. Er wärmt sie, was ihren Puls hochgehen lässt. Ihr Herz schlägt immer schneller, während sie ihn nur still betrachtet. Er sieht wunderschön und friedlich aus. Ganz anders als in den letzten Monaten, wo sein Gesicht stets von Sorgen gezeichnet war. Luce mag es so lieber. Sie ist froh, dass auch er sich wieder entspannen kann.
Sie hebt vorsichtig eine Hand und streicht ihm zärtlich eine Locke aus dem Gesicht, die ihm in die Stirn gefallen ist. Sie wollte ihn dadurch nicht wecken, dennoch öffnet er einen Moment später zögerlich seine Augen.
„Guten Morgen.“, flüstert Luce ihm liebevoll zu, während ihre Finger weiterhin sanft seine Wange streicheln.
„Guten Morgen, Schatz.“, antwortet er schlaftrunken.
Dann zieht er Luce mit einem wohligen Seufzen noch etwas näher an sich ran, obwohl zwischen sie kaum ein Blatt Papier passt. Sie gibt sich der Geborgenheit, die Jacob ihr bieten wieder hin und schließt erneut die Augen. Luce ist zwar nicht mehr müde, aber aufstehen will sie noch nicht. Dafür kuschelt sie viel zu gerne mit ihrem Freund.
Plötzlich dringt jedoch ein lautes Scheppern aus der Küche zu den beiden nach oben. Sofort sitzen sie senkrecht im Bett und sind in Alarmbereitschaft. So ganz haben sie die Schrecken der letzten Monate wohl doch noch nicht überwunden, denn sie befürchten erneut das Schlimmste. Der Schutzzauber um das Haus schützt sie zwar eigentlich vor Eindringlingen, aber selbst die können überlistet werden. Luce hatte es selber einmal erlebt, dass ein Zauberbann durchbrochen wurde. Daher verlässt sie sich nicht vollkommen darauf, dass er hält.
„Vermutlich war das Sam oder Amara.“, sagt Luce angespannt, während sie nach ihrem Dolch greift, der immer auf ihrem Nachtschrank liegt. „Ich gehe gucken.“, ergänzt sie.
Damit schlägt sie die Decke zurück, um aufzustehen. Zuvor hält Jacob sie jedoch noch einen Moment zurück.
„Sei vorsichtig.“, flüstert er ihr besorgt zu.
Luce nickt nur, bevor sie ihm noch einen flüchtigen Kuss gibt. Dann verlässt sie im Nachthemd ihr Zimmer, um sich auf den Weg nach unten zu machen. Den Dolch hält sie fest umklammert und auch ihr Zugang zur Magie ist offen. Sie spürt die Hitze durch ihre Adern fließen. Das Gefühl beruhigt sie, dennoch atmet Luce noch einmal tief durch, bevor sie die Treppe hinunter läuft.
Unten ist alles ganz still geworden. Es ist kein Reden, kein Atmen oder weiteres Scheppern zu hören, trotzdem weiß Luce, dass jemand in der Küche ist. Sie spürt es mit ihrer Magie.
Ganz leise schleicht sie zum Eingang der Küche. Die Schiebetür steht offen und Luce erkennt, dass jemand mit dem Rücken zu ihr an der Arbeitsplatte steht. Sie sieht jedoch nur den Schatten und kann nicht ausmachen, ob es wirklich Sam oder Amara ist. Die Gestalt ist jedenfalls alleine, weshalb Luce nicht zögert.
Blitzschnell läuft sie um die Ecke herum. Ihr Dolch ist erhoben und saust bereits auf die Person herab, als Sam sich umdreht. Luce erkennt ihn und reißt die Augen auf, aber sie kann ihre Waffe nicht mehr aufhalten. Sie ist zu schnell, zu nah und Luce noch zu müde. In der letzten Sekunde wird Sam von seinen Reflexen gerettet. Er lässt seinen Arm nach oben schnellen, womit er die Klinge abfängt.
„Scheiße, Luce!“, ruft er aus, als der Dolch ihm die Haut am Unterarm aufschlitzt. „Was soll das denn?“
„Entschuldigung.“, stottert Luce, während sie erbleicht.
Eine Sekunde später fängt sie sich wieder und greift nach einem Küchenhandtuch, um die Blutung zu stillen. Das ist jedoch schon voller Blut. Verwirrt guckt sie Sam an.
„Mir sind die Teller runtergefallen und ich habe mir an den Scherben die Hände aufgeschnitten.“, erklärt er mit einem schiefen Grinsen im Gesicht.
Erst jetzt fällt Luce das Blut an seinen Händen auf.
„Und ich habe gedacht, du wärst jemand anderes. Ich habe das Schlimmste befürchtet. Sorry für den Schnitt.“, gibt auch sie ihm eine Erklärung für ihr Handeln.
Genau in dem Moment stürmen Jacob und Amara in die Küche. Ihre Blicke gleiten durch den Raum, während sie die Situation erfassen.
„Euch ebenfalls einen guten Morgen.“, bricht Sam nach einer gefühlten Ewigkeit das bedrückte Schweigen. Er hat dabei sein übliches schelmisches Grinsen im Gesicht, womit er auf Anhieb die Stimmung wieder lockert.
„Guten Morgen. Der Tag fängt gut an, nicht wahr?“, erwidert Jacob etwas ironisch.
Daraufhin haben auch die Frauen ein leichtes Grinsen im Gesicht und sie kommen wieder in Bewegung. Luce mischt für Sam einen Heiltrank zusammen, während er seine Blutungen stillt. Gleichzeitig räumen Jacob und Amara die letzten Scherben weg, bevor sie den Frühstückstisch decken, wozu Sam nicht mehr gekommen ist.
Etwas später sitzen die vier Freunde dann entspannt am Frühstückstisch. Luce hat ein schlechtes Gewissen, weil sie Sam verletzt hat. Es erinnert sie sehr an die Situation aus ihrer Kindheit, die sie noch immer bereut. Aber Sam winkt nur ab. Er nimmt es Luce nicht übel und da seine Wunden schon fast verheilt sind, hat er auch keine Schmerzen mehr. Das beruhigt sie etwas, aber kann ihr schlechte Gewissen nicht ganz ausgleichen.
„Es hat heute Nacht wieder sehr viel geschneit.“, wirft Amara irgendwann ins Gespräch ein.
Sie schaut nachdenklich nach draußen, wo es noch immer schneit. Luce folgt ihrem Blick, wobei ihr eine Idee kommt. Als sie wieder ihre Freundin anguckt, haben sie beide das gleiche Grinsen im Gesicht. Offenbar ist Amara dieselbe Idee gekommen wie Luce.
„Sollen wir gleich rausgehen und einen Schneemann bauen?“, schlägt Luce nun auch den Männern vor, die sie neugierig beobachteten.
„Ich habe schon ewig keinen Schneemann mehr gebaut! Wir haben heute doch sonst nichts vor.“, wirft Amara begeistert ein, um Jacob und Sam zu überzeugen.
Die beiden gucken erst zweifelnd, geben sich dann aber doch geschlagen. Daher packen sich die Freunde nach dem ausgiebigen Frühstück warm ein, um nach draußen zu gehen. Sofort versinken sie fast bis zu den Knien im Neuschnee. Amara beugt sich hinab und formt direkt ein wenig Schnee zu einem Schneeball.
„Er pappt gut.“, stellt sie fest, bevor die Kugel in Sams Richtung fliegt.
Ihr Freund hebt seine verheilten Arme, um den Schnee abzufangen, und nicht direkt ins Gesicht bekommen. Anschließend rennt er die Stufen der Veranda herunter, bevor er Amara durch den Schnee jagt, die lachend davon läuft. Es dauert nicht lange, da hat er sie eingeholt und schubst sie spielerisch in die weiße Kälte. Amara krallt sich dabei jedoch in Sams Jacke fest, wodurch er neben ihr landet.
Während Amara und Sam sich im Schnee wälzen, stürmen auch Luce und Jacob in die weiße Wunderlandschaft. Sie stapfen langsam hinter das Haus, wo sie ihre Schneemänner bauen wollen.
„Machen wir einen Wettbewerb?“, fragt Luce herausfordernd, als alle Vier dort versammelt sind. „Wer baut den schönsten Schneemann?“
„Ich bin dabei. Aber lasst uns keine normalen Schneemänner bauen. Alle müssen etwas Besonderes haben.“, schlägt Amara lächelnd vor.
„Was meinst du denn mit besonders?“, erwidert Sam mit hochgezogener Augenbraue.
Daraufhin glitzern Amaras Augen diebisch. Sie hat wohl schon damit gerechnet, dass Sam seine nicht vorhandene Kreativität im Stich lässt, und freut sich nun, dass ihre Chancen zu gewinnen besser stehen. Selbst Luce hat noch keine Idee, was sie Besonderes hinzufügen soll.
„Naja, ein normaler Schneemann besteht doch aus drei dicken Kugeln, die gestapelt werden. Unsere Schneemänner können auch daraus bestehen, aber du sollst zusätzlich noch irgendwas aus Schnee bauen, was zu ihm gehört.“, erklärt Amara den Männern.
Nach der Erklärung guckt Sam angestrengt denkend in den Schnee. Die richtige Idee scheint ihm nicht gekommen zu sein, aber da das noch lange dauern kann, will Luce nicht darauf warten.
„Na dann los.“, startet sie den Wettbewerb.
Sofort laufen sie alle los und rollen die ersten Kugeln für ihre Schneemänner. Sie rennen rund um das Haus, teilweise sogar in den Wald herein. Von überall holen sie den Schnee her. Doch obwohl genug da ist, können die Freunde es nicht lassen und ärgern sich, indem sie voneinander Schnee klauen. Jacob fing damit an, dass er sich eine Handvoll von Amara nahm. Dadurch hat er einen Kampf losgetreten, den er so gewiss nicht beabsichtigt hatte.
Dennoch nehmen ihre Schneemänner nach einiger Zeit Form an. Die Körper aus Kugeln stehen bereits, nur bei Amara sind es keine dicken Kugeln. Sie hat tatsächlich einen Körper geformt. Anschließend machen sie sich ans Werk, den besonderen Teil hinzuzufügen.
Nach ein paar weiteren Stunden treten sie schließlich zurück und betrachten ihre Kunstwerke. Amaras Schneemann ganz rechts hat einen richtigen Menschlichen Körper. Es ist ein Mann geworden mit spitzen Ohren sowie einigen kurzen Stöckern als Haare. Das Wesen hält einen Bogen in seinen geballten Fäusten. Für den Köcher mit Pfeilen hat Amara die Zeit wohl nicht mehr gereicht. Dennoch ist der Schneeelbe wirklich schön geworden.
Links daneben steht Jacobs Wesen. Dieser Schneemann sieht fast normal aus. Drei dicke Kugeln bilden seinen Körper, die Nase besteht aus einer Möhre, Augen und Mund aus Kieseln. Das Besondere an dem Kunstwerk ist das Herz, was der Schneemann mit seinen Händen trägt. Es sieht aus, als will er sein eigenes Herz jemandem schenken. Luce ahnt oder hofft vielmehr, dass Jacob dabei an sie gedacht hat. Der liebevolle Blick, den er ihr nun zuwirft, bestätigt ihre Hoffnung. Sofort wird Luce warm ums Herz, was kurz stolpert. Obwohl ihre Freunde neben ihnen stehen und auf die Bewertung warten, geht sie zu Jacob hinüber. Sie legt die Arme um seinen Hals, zieht ihn zu sich ran und gibt ihm einen langen, sanften Kuss. Als sie sich voneinander lösen, lächeln sie beide. Luce hätte Jacob gerne noch länger geküsst, aber sie wendet sich wieder den Schneemännern zu, um ihre Freunde nicht warten zu lassen.
Neben Jacobs Schneemann steht der von Luce. Auch er sieht normal aus, abgesehen von der Besonderheit. Sie hat versucht, Flügel aus Schnee an den Rücken des Schneemanns zu bauen. Es ist ihr nicht so gelungen, wie sie es wollte, sieht dennoch ganz cool aus. Nicht wie die Flügel von Phönixen, aber zumindest ist es kein normaler Schneemann.
Ganz links kommt als letztes Sams Schneemann. Die Blicke wandern schließlich alle zu dem vollkommen normal aussehenden Werk, das Sam stolz betrachtet.
„Wo ist bei dir denn die Besonderheit?“, fragt Jacob schließlich, was sie alle denken.
„Ist noch verdeckt.“, erwidert Sam geheimnisvoll. „Luce kann ich mal deinen Dolch haben?“
Verwirrt nickt Luce, bevor sie ihm die Waffe überreicht. Feierlich geht Sam zu seinem Schneemann. Als er angekommen ist, wendet er sich nochmal zu seinen Freunden um.
„Seid ihr bereit?“, fragt er, um die Spannung weiter zu steigern.
Die anderen Drei sind schon sehr neugierig, weshalb sie schnell nicken. Daraufhin dreht Sam den Dolch noch ein paar Mal in der Hand, während er seine Freunde schelmisch angrinst. Plötzlich wendet er sich abrupt um und bohrt den Dolch mit dem Griff zuerst in die Hand seines Schneemanns.
„Tadaa!“, ruft er stolz grinsend, als er zur Seite gesprungen ist.
„Das war’s?“, meint Jacob fassungslos, während die Frauen sich kugeln vor Lachen. Es ist eine typische Aktion für Sam, der sich die kreative Aufgabe sehr einfach gemacht hat.
„Ja, jetzt hat mein Schneemann doch etwas Besonderes.“, erwidert Sam verwirrt, der das wohl ernst meinte.
„Stimmt. Mein Dolch ist wirklich etwas ganz Besonderes. Ich glaube, ich habe noch drei weitere davon in meinem Zimmer verteilt.“, antwortet Luce mit einem ironischen Unterton, während sie sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischt.
Verwirrt guckt Sam zu seinem Schneemann und lässt anschließend nochmal den Blick über die anderen Kunstwerke gleiten.
„Okay, mit Amara kann ich natürlich nicht mithalten. Aber mein Schneemann ist mindestens genauso gut wie Jacobs.“, wirft er ein, um sich selber zu überzeugen.
Darauf sagt keiner von den anderen mehr was. Sie wollen ihm diese letzte Hoffnung nicht auch noch nehmen.
„Ich würde auf jeden Fall sagen, dass Amara mit Abstand gewonnen hat. Da können selbst Jacob und ich nicht mithalten.“, wechselt Luce das Thema.
„Da hast du absolut recht.“, stimmt Jacob ihr zu.
„Dankeschön!“, freut Amara sich. „Aber so wichtig ist das nicht. Wir hatten alle Spaß und das ist viel mehr wert. Trotzdem hätte ich gerne einen Preis in Form von einem großen Kakao auf der Couch.“
Lächelnd guckt sie in die Runde, die alle zustimmen. Sie waren lange genug hier draußen, weshalb zumindest Amara und Jacob langsam kalt wird. Also gehen sie gemeinsam wieder nach drinnen, wo Luce ihre Freunde mit heißem Kakao versorgt…