In der darauffolgenden Nacht schläft Luce nicht viel. Sie hat ihre Freunde nachmittags verabschiedet, weil sie noch etwas geplant hat. Deshalb steht sie um ein Uhr nachts wieder auf, statt weiter zu schlafen. Sie zieht sich ihre schwarze Trainingskleidung an, befestigt zwei Dolche an ihren Beinen und setzt sich dann einen schweren Rucksack auf. So vorbereitet geht sie aus dem Haus heraus.
Fast unsichtbar läuft Luce durch den Wald. Ihr erster Weg führt sie nach Osten, wo Jacob lebt. Durch den tiefen Schnee braucht sie ziemlich lange, um bei ihm anzukommen. Im Sommer war der Weg für sie deutlich kürzer. Schließlich steht sie dennoch wieder vor dem verschlossenen, kleinen Holztor, was auf sein Grundstück führt. Vor einiger Zeit war Luce einmal über die drei Meter hohe Mauer gesprungen, die das Grundstück umgibt, um zum Haus zu kommen. Heute ist ihr das nicht möglich, aber zum Glück ist es auch nicht nötig. Mittlerweile besitzt sie einen Schlüssel zu dem Tor, mit dem sie es nun leise aufschließt.
Luce schleicht über das Grundstück bis zur Haustür. Es ist stockduster, denn selbst der Mond ist von den Wolken verdeckt. Dennoch findet sie den Weg ohne Probleme. Sie weiß, wo sie hinmuss und auf Jacobs Grundstück gibt es fast nichts, außer seinem Haus. An der Tür angekommen, nimmt Luce ihren Rucksack vom Rücken. Dort holt sie einen kleinen Beutel heraus, den sie mit einem Seil an der Türklinke befestigt. Ein Vordach hat Jacob leider nicht, weswegen sie das Geschenk nicht auf den schneebedeckten Boden stellen will.
Luce hat in den letzten Tagen lange in der Küche gestanden und Pralinen für ihre Freunde hergestellt. Die sind als Nikolausgeschenk gedacht, um ihnen eine erste Weihnachtsfreude zu machen.
Als Luce fertig ist, verlässt sie lächelnd Jacobs Grundstück. Ungesehen geht sie durch das Holztor wieder in den Wald. Auch ihre Fußspuren würden bis zum Morgen gewiss verdeckt sein, da es die ganze Zeit dicke Flocken schneit. Luce Haare sehen mittlerweile vermutlich ebenfalls nicht mehr blond aus, sondern eher weiß von dem ganzen Schnee, der darauf liegt.
Einige Zeit später kommt sie bei dem Haus von Sam und Amara an. Dort bindet sie die zwei Päckchen für ihre Freunde erneut an der Türklinke fest, bevor sie wieder nach Hause geht und dort ins Bett fällt.
Nur wenige Stunden später wacht Luce hellwach auf. Sie ist froh, dass sie nie so viel Schlaf braucht, sonst würde sie heute gewiss noch lange im Bett liegen. Stattdessen steht sie auf, um direkt ihr morgendliches Training zu absolvieren. Dafür will sie in den Wald gehen, wo sie mit ihrem Feuer etwas Schnee schmelzen kann, um eine freie Fläche zum Trainieren zu haben. Also zieht sie sich an, schnappt sich in der Küche schnell ein Brötchen und geht dann aus der Haustür.
Sie läuft halb rückwärts über die Schwelle, um die Tür hinter sich zu zuziehen. Dabei übersieht sie den Schneehaufen auf der Veranda, über den sie eine Sekunde später stolpert. Luce stürzt nach vorne und landet im weichen Schnee. Verdutzt guckt sie sich um. Sonst lag auf der Veranda nie Schnee, aber offenbar hat es letzte Nacht nicht nur geschneit, sondern war noch windig dazu.
Umständlich rappelt Luce sich wieder auf. Fast wäre sie auf dem nassen Holz ausgerutscht und erneut gestürzt, aber sie kann sich am Geländer abfangen. Bevor sie sich jedoch auf den Weg in den Wald macht, entfernt sie noch den Schneehaufen. Sie will da nicht erneut drüber stürzen. Als sie den Schnee allerdings mit den Händen verteilt, stößt sie auf etwas Festes.
Sofort erscheint ein Lächeln auf Luces Gesicht, als sie den Korb sieht, der unter dem Haufen versteckt war. Vorsichtig öffnet sie ihn, um hinein zu schauen. Ihr Lächeln wird breiter und ihre Augen fangen vor Freude an, zu leuchten. Offenbar haben ihre Freunde auch ihr eine Überraschung bereitet. In dem Korb findet Luce ihre liebste Schokolade, selbst gebackenen Kekse und eine kleine Karte. Darauf steht in einer Schrift, die der von Amara zum Verwechseln ähnlich sieht:
„Du warst sehr brav dieses Jahr. Die Schokolade hast du dir verdient.
Dein Nikolaus.“
Lachend legt Luce die Karte zurück in den Korb, bevor sie ihn ins Haus stellt. Dann erst macht sie sich endlich auf den Weg in den Wald…